Suche
  • real-time light and media object | klugedesign
  • annalena[at]klugedesign.de | +49 177 8801301
Suche Menü

light follows seismographic data oder das fernnahe Beben der Erde

Earthquake Map since 1898 by IDVsolutions

Ist es möglich (und auch sinnvoll), das zumeist weit entfernte Beben der Erde als eine Fernnah-Erfahrung oder – umgekehrt – als ein nahfernes Erlebnis zu vermitteln? Es geht dabei nicht um das unmittelbare Nacherleben einer Erdbebenerfahrung, sondern Seismo Light verfolgt das Ziel, das Beben, genauer: die Existenz eines Bebens als ein entferntes Ereignis in einer ästhetisch-sinnlichen Weise in die Nähe oder besser gesagt: in ein Nah-Bewußtsein zu bringen. Dazu musste ein Weg gefunden werden, den eigenen Erfahrungs- und Wahrnehmungsraum in einer geeigneten Weise für den Empfang von seismographischen Signalen zu öffnen.

Um das fernnahe Beben der Erde in den alltäglichen Wahrnehmungsraum des Menschen zu bringen, gilt es, die Sinne und das Bewusstsein in vielfacher Weise anzusprechen und hierfür die passenden Übermittlungskanäle einzusetzen. Im Grunde genommen geht es dabei um eine beispielhafte Verbindung von globaler und lokaler Wahrnehmung. Im Alltag der heutigen, weltumspannenden Mediengesellschaft ist diese Verbindung von Ferne und Nähe zu einer inzwischen selbstverständlichen und nur noch wenig bewußten Erfahrung geworden. Der Versuch, die gewohnte Sicherheit im alltäglichen Leben vor Ort mit der global jederzeit gegenwärtigen Unsicherheit zu einem ganzheitlichen Bild zusammenzufügen, ist gegen diese Selbstverständlichkeit gerichtet. Das Erdbeben als ein nie genau vorhersagbares Elementarereignis steht real und symbolisch zugleich für diese allgegenwärtige Unsicherheit. Damit ist auch der Kern der Gestaltungsaufgabe benannt: Das fernnahe Beben der Erde ist als ein ganzheitliches Bild in einen alltäglichen Raum zu stellen.

Doch welche Möglichkeiten unserer Wahrnehmung sind zur Bearbeitung und Umsetzung dieser Aufgabe am besten zu nutzen. Die taktile Wahrnehmung würde uns ermöglichen, die Vibrationen eines Bebens zu spüren und, vielleicht gepaart mit der auditiven Wahrnehmung eines ungewohnten Grollen und Donnerns, ein starkes emotionales aber unspezifisches Erlebnis vermitteln. Demgegenüber vermag unsere visuelle Wahrnehmung in diesem Zusammenhang ein viel differenzierteres Bild zu geben, in dem sich sowohl emotional-affektive wie rational-informative Botschaften kommunizieren lassen. Insbesondere können die Darstellungsmöglichkeiten des digital ansteuerbaren Lichtbildes die Sinne und das Bewusstsein in vielfältiger Weise erreichen. Etwa als gefühlsstarke pulsierende Hell-Dunkel-Reize oder als lesbare symbolische Zeichen, die Informationen übertragen. Denn die visuelle Wahrnehmung befähigt uns in besonderer Weise, das Gesehene mit gespeicherten Erinnerungen abzugleichen und immer wieder neu zu interpretieren. In meiner Recherchephase wurde deutlich, dass ich die Fähigkeit der visuellen Wahrnehmung nutzen möchte, um die seismische Aktivität unserer Erde in das Bewusstsein des Betrachters zu transportieren.

Als Visueller Transmitter dient Seismo Light das Medium Licht. Licht ist ein unersetzlicher Bestandteil unseres Seins, sowohl als physische oder psychische Energiequelle wie auch als Medium der Information. Das Sonnenlicht macht unseren Planeten erst lebenswert, elektrisches Licht ermöglicht uns ein Leben im Dunklen, in geschlossenen Räumen und erzeugt alle vorstellbaren Atmosphären. Licht hat die Fähigkeit sehr differenziert auf den Menschen zu wirken. Es gibt uns Geborgenheit und Sicherheit, es warnt uns vor Gefahren, kann uns motivieren, aber auch blenden und ängstigen. Licht berührt uns tief in unserem Inneren und beeinflusst so auf positive Weise den menschlichen Organismus. Als digitales, das heißt als Punkt für Punkt ansteuerbares und datenverarbeitendes Licht, welches in Form von Light-Emitting-Diods (LEDs) heute mit einer enorme Entwicklungsdynamik in alle Lebensbereiche eindringt, wird die Funktion des Leuchtens und Beleuchtens vielfältig ausdifferenziert. Emotionale und rationale, affektive und informative Lichtbotschaften lassen sich auf dieser technologischen Basis zusammenführen.

Damit das Medium Licht als Echtzeit-Datentransmitter eingesetzt werden kann, greift das Objekt Seismo Light auf bereitgestellte Real-Time Datenfeeds zu. Denn überall auf der Welt werden Erschütterungen gemessen, von seismologischen Instituten dokumentiert und veröffentlicht. Das U.S. Geological Survey (USGS), das European-Mediterranean Seismological Centre (EMSC), das GeoForschungsCenter Potsdam, sowie viele andere Anbieter stellen ihre gesammelten und dokumentierten Daten mittels Real-Time RSS Feeds frei zur Verfügung. Da die genannten Institute in Abhängigkeit ihres Standorts unterschiedliche Bereiche der Erde abdecken, werden in dem Lichtobjekt Seismo Light verschiedene Informationskanäle mittels eines programmierten Servers kombiniert und unter Einsatz einer modernen Programmiersprache ganzheitlich ausgewertet. Die seismographischen Daten können so nach dem Push-Prinzip zusammengeführt und bereitgestellt werden. Das USGS zum Beispiel dokumentiert Beben des nordamerikanischen Kontinents bereits ab einer geringen Stärke, während weltweite Beben erst ab einer für den Mensch schon deutlich spürbaren Stärke dokumentiert werden. In Kombination mit den Daten anderer Institute, wird fasst der gesamte Globus abgedeckt. Sobald ein Institut über neue Daten verfügt, werden diese mittels RSS Feed an das Objekt übermittelt.
Unter dem Leitsatz light follows seismographic data werden die Seismographischen Daten in Abhängigkeit der Magnitude, also der Stärke des Bebens in differenzierte Lichtpulse übersetzt. Beginnt das Licht des Objekts zu pulsieren, kann der Betrachter daraus schließen, dass gerade in diesem Moment (Verzögerung von ca. 5 Minuten möglich) die Erde bebt. An der Dynamik des Lichtflusses wird er erkennen können, ob es sich um ein starkes oder schwächeres Beben gehandelt hat. Ist der Betrachter an dem exakten Ort des Epizentrums des Bebens interessiert, kann er die zugehörige Webapplikation aufrufen. Denn Seismo Light und die parallel geschaltete Webapplikation verarbeiten zeitgleich die identischen Daten. Das Licht- bzw. LeuchtDisplay und das Datendisplay dieser Installation sind also synchronisiert und erlauben so eine doppelte, eine emotionale wie rationale Rezeption des fernnahen Bebens der Erde.